Als Folge der Wirtschaftskrise wird vielfach die Forderung erhoben, das „Unwesen der Spekulation“ im Rahmen des Großkapitals mit Einsätzen in Milliardenhöhe von staatlicher Seite, vor allem mit Hilfe der Steuergesetzgebung und anderer Regularien einzudämmen. Es trifft zu, dass die Finanzkrise vor allem durch Spekulationen in noch nie dagewesenem Umfang, die nicht mit Gewinn sondern mit sehr hohen Verlusten geendet hatten, ausgelöst worden war, dass sie als Folge eine der größten Wirtschaftskrisen aller Zeiten verursacht hat und dass dabei viele Spekulanten aber auch Kleinanleger ihr gesamtes Vermögen verloren haben.
Es trifft auch zu, dass durch Spekulation auf Staatsanleihen und Währungen heute ganze Staaten an den Rand eines Staatsbankrotts getrieben werden können.
Abgesehen von der Frage, ob es möglich wäre im Rahmen der freien Kapitalwirtschaft, solche Spekulationen zu unterdrücken, ohne zur Planwirtschaft des Sozialismus zurückzukehren, stelle ich die Frage, ob dies wirklich erwünscht ist.
Nur die Stärke der Wirtschaft bestimmt die Stärke einer Währung. Daher ist Währungsspekulation nichts anderes als eine Wette auf Volkswirtschaften. Wetten abzuschließen ist eine uralte menschliche Tradition, heute geht es dabei eben um einige Milliarden Gewinn oder Verlust. Nicht das Wirtschaftssystem ist falsch, sondern die Menschliche Natur. Wollte man die Spekulation verhindern, müsste man also zuerst die Natur des Menschen ändern.
Was ist der Unterschied zwischen Spekulation und Investition? Spekulation ist immer ein Nullsummenspiel, eine Wette auf die Zukunft mit zwei Gegnern. Der Verlust des einen Spekulanten ist zugleich der Gewinn des anderen. Investition ist auch eine Wette auf die Zukunft, aber ohne einen Gegner. Falls die Prognosen des Investors zutreffen, wirft sein Kapital Gewinn ab, ohne dass irgend jemand anderer diesen Gewinn als Verlust verbuchen muss. Falls die Prognose fehlschlägt, ist das investierte Kapital komplett verloren, ohne dass es jemand anderer bekommt. Eine Investition ist also ein Kapitaleinsatz primär zur Gestaltung der Zukunft, eine Spekulation ein Kapitaleinsatz primär zur Gewinnerzielung ohne jede Gestaltungsabsicht. Spekulation und Investition unterscheiden sich dagegen nicht in Bezug auf das Verlustrisiko. In beiden Fällen ist Verlust möglich. Während bei Spekulation das verlorene Kapital erhalten bleibt, in dem es den Besitzer wechselt, geht es bei Investition endgültig verloren.
Es wäre höchstens möglich und wünschenswert, die Regeln für die Spekulation so zu gestalten, dass die Verluste auch von den Spekulanten selbst und nicht von der gesamten Bevölkerung getragen werden. Dies wäre zum Beispiel dadurch möglich, dass man den Kauf von Staatsanleihen nur mit angemessener Eigenkapitalreserve zulässt. Eine Bank könnte dann im Eigenhandel zwar spekulieren, aber nur dann wenn sie über genügend Eigenkapitalreserven verfügt, um auch die Worst-case Verluste abzudecken. Dies war z. B. bei Lehman-Brothers bestimmt nicht gewährleistet. Das gleiche würde auch für Landesbanken und andere Institutionen zutreffen.
Vor der Finanzkrise wurden sowohl Staatsanleihen als auch Pfandbriefe (Hypotheken) als 100 prozentig sichere, sogenannte mündelsichere Papiere betrachtet. Jetzt hat sich genau das Gegenteil herausgestellt: Beide können bis zu 90% oder mehr Verluste einfahren! Wenn es niemand gibt, der eine Immobilie kaufen kann oder will, nützt der Gläubigerbank die sicherste Grundbuch-Hypothek nichts mehr, sie bleibt auf ihren Forderungen ohne Gegenleistung sitzen und muss sie als Verlust verbuchen. Genau dieser Fall ist in den USA eingetreten. Wenn ein Staat Bankrott geht, wie Argentinien im Jahr 2001, verlieren alle Staatsanleihen fast ihren gesamten Wert. Dieser Fall ist zwar extrem unwahrscheinlich, kann aber prinzipiell nicht ausgeschlossen werden, wie auch das Beispiel der PIIGS-Staaten jetzt wieder zeigt. Daher muss man tatsächlich alle Formen der Investition in Bezug auf das mögliche Risiko heute ganz neu bewerten.
Dezember 17, 2010 um 5:48 pm |
1) Die Begriffe “Wetten” und “Spekulation” haben für mich einen gravierund anderen Inhalt: “Wetten” inkludiert etwas Spielerisches, etwas Aktives. Dagegen steht “Spekulation” bei mir in der Nähe von “Trittbrett fahren”. Wetten hat etwas Gestaltendes in sich. Auf das vorstehende Problem angewandt, könnten daher unterschiedliche Mechanismen gesucht werden.
2) Rund um das Verlustrisiko: Es wird eine statistische Vorhersage (“Risiko”) solange zerpflückt, bis die Einzelanlage zum Zeitpunkt der Veranlagung vom Risiko nicht mehr betroffen ist (so zumindest wird es vielen Anlageberatern unterstellt, weshalb ja die sogenannte “Prospekthaftung” eingeführt werden musste). In Bezug auf die o.a. Wertpapierthematik bedeutet das, dass Wege gesucht werden müssten, wonach der Steuerzahler in keinem Fall die Ausfälle (auch nicht für Ausfälle von Staatsanleihen) zu tragen hat. Das Risiko müsste zu 100% beim Anleger liegen. Dann wird man sehr wohl überlegen, wegen etlicher %-Punkte Risken einzugehen.
3) Währungsspekulationen: Es gibt nicht nur Unterschiede in der Wirtschaftskraft verschiedener Länder sondern (und das halte ich wegen der kurzfristigen Spekulationen für viel wichtiger) auch Unterschiede im Währungs- und Geldvolumen. Solange es einen freien Kapitalmarkt gibnt, werden wir uns daran zu gewöhnen haben, dass der erheblich größere Partner über das Schicksal des kleineren Partners bestimmt. Im weiteren Sinn betrifft das nicht nur Währungs- sondern auch Rohstoffspekulationen.
Dezember 17, 2010 um 8:00 pm |
Lieber Friedrich Teichmann,
vielen Dank für Deinen kritischen, aber gerade deshalb sehr fundierten und hilfreichen Kommentar.
ad 1) Du hast recht, auf die Unterschiede zwischen Spekulation und Wetten hinzuweisen. Was ich gemeint habe ist, dass Spekulation nur möglich ist, wenn es auch einen Gegner gibt, der auf die gegenteilige Spekulation setzt, also das ist genau dieselbe Situation wie bei einer Wette. Wenn alle Spekulanten die gleiche Meinung über eine Kursprognose hätten, wäre ja kein Börsenhandel möglich.
ad 2) Du hast recht, auf das entweder unterschätzte oder sogar manipulierte Verlustrisiko hinzuweisen. Das bringt mich auf einen Zusatz, den ich noch posten muss: vor der Finanzkrise wurden sowohl Staatsanleihen als auch Pfandbriefe als 100 %-ig sichere Papiere betrachtet. Jetzt hat sich genau das Gegenteil herausgestellt: Beide können bis zu 90% oder mehr Verluste einfahren!
ad 3) Eine wichtige Ergänzung, für die ich Dir danke – keine Frage.